Tauziehen um eine kleine Adria-Bucht

Erschienen in: Wirtschaft und Politik in Kroatien
Erschienen am: 26.06.2006

Auch in der Urlaubssaison streiten Slowenien und Kroatien über den Grenzverlauf.

Zehntausende deutscher und österreichischer Touristen suchen zurzeit auf der Halbinsel Istrien an der nördlichen Adria wieder Sonne, Meer und gutes Essen. Sie wissen in der Regel nichts vom erbitterten Streit zwischen Slowenien und Kroatien über die Grenzziehung im Norden des Urlauberparadieses. Doch in dieser Woche hat Slowenien mit einem „Weißbuch“ den Streit um den Grenzverlauf in der Bucht von Piran ganz im Nordwesten Istriens angeheizt. Nicht auszuschließen, dass die Kroaten – wie in den Jahren zuvor – wieder slowenische Fischernetze kappen oder Fremdenführer aus dem Nachbarland mit Einreiseverbot belegen.

Die Kernfrage einer der letzten Grenzstreitigkeiten in Europa lautet: Wo verläuft in der winzigen Bucht des slowenischen Städtchens Piran die Grenze zwischen den beiden Nachbarn? Die Kroaten ziehen den Strich in ihren Karten genau in der Mitte, die Slowenen beanspruchen die gesamte Bucht. Zagreb hat zunächst die besseren Karten, weil in der Mitte der Piranbucht auch in Zeiten des auseinander gebrochenen Vielvölkerstaates Jugoslawien die Grenze verlief. Doch damals spielte sie eben keine Rolle, weil Kroatien und Slowenien Teil dieses gemeinsamen Staates waren.

„Wir besitzen nur 46 Kilometer Felsküste gegenüber mehr als 1 200 Küstenkilometern und weit über 1 000 Inseln in Kroatien“, empört sich der slowenische Fremdenführer Zlatko. „Und doch wollen die uns hier die paar Kilometer streitig machen“, schüttelt er den Kopf. Für Slowenien geht es beim Anspruch auf die ganze Bucht um den Zugang zum offenen internationalen Meer, der bei einem Grenzverlauf in der Buchtmitte versperrt wäre.

Das slowenische Piran sei jahrhundertelang der Mittelpunkt der gesamten Region gewesen, argumentiert die slowenische Regierung in ihrem neuen Weißbuch. Die Katasterbücher auch für die kroatische Seite der Bucht bewahrten die Behörden traditionell in Piran auf. Und schließlich zeige ja der Name Bucht von Piran, wo der Mittelpunkt dieser Region liege.

Doch die Kroaten halten dagegen und haben die Bucht inzwischen nach ihrer nächsten Küstenstadt in „Bucht von Suvudrija“ umbenannt. Ihnen geht es im Prinzip um die „Verteidigung der heiligen kroatischen Heimaterde“. Sie fürchten, nach Zugeständnissen gegenüber Slowenien auch in Grenzfragen gegenüber Bosnien-Herzegowina und Montenegro nachgeben zu müssen. Die Regierung in Zagreb schlägt einen Schiedsspruch des Internationalen Gerichtshofes für Seerechtsfragen in Hamburg vor. Schon mehren sich Stimmen im neuen EU-Mitgliedsland Slowenien, dem EU-Kandidaten Kroatien den Weg nach Brüssel zu verbauen, sollte der nicht im Grenzstreit nachgeben.

Quelle: SZ-Online.de

Tags: , ,

Weitere Themenrelevante Beiträge Im Kroatien Blog:

Leave a Reply

64 queries. 0.308 seconds.
Croatia Blog - 31.05.2015
Powered by Wordpress
theme by evil.bert